Veranstaltungsrückblick

In München diskutiert – für ganz Deutschland relevant

München | Nov 2025
Rückblick auf den 16. Münchner Handelsimmobilientag

Wie verändert sich der stationäre Handel im Spannungsfeld von Standortdruck, Konsumwandel und Investorenverhalten? Und welche Konzepte geben Städten und Handelsimmobilien eine neue Richtung? Diese Fragen, die den Einzelhandel, die Immobilienwirtschaft und die Kommunen gleichermaßen bewegen, standen im Mittelpunkt des 16. Münchner Handelsimmobilientags im Haus der Bayerischen Wirtschaft.

Transformation statt Mittelmäßigkeit: Der Handel erfindet sich neu

Unter dem Motto „Stadt. Raum. Richtung.“ kamen mehr als 200 Fachleute aus Handel, Immobilienwirtschaft, Kommunen und Investment zusammen. Bei all den vielfältigen Ansätzen und Standpunkten wurde eines klar: Die Zukunft des Handels entscheidet sich dort, wo Qualität, Profil und Mut aufeinandertreffen und gemeinsam die richtigen Entscheidungen getroffen werden.

„Was verschwindet, ist nicht der Handel – sondern das Mittelmaß“, betonte Lars Jähnichen (IPH Gruppe) in seiner Eröffnungsmoderation. Der stationäre Handel stehe nicht am Ende, sondern inmitten einer grundlegenden Transformation. Joachim Stumpf (BBE Holding) ergänzte: „Aus Retail wird Retail+.“ Der stationäre Handel müsse lernen, weitere Nutzungen intelligent zu integrieren, um als Erlebnisort neu relevant zu werden.

Diese Linie griff Klaus Striebich (RaRE Advise) in seiner Keynote auf: „Erfolg im Handel beginnt und endet beim Kunden. Alles andere ist zweitrangig.“ Anhand internationaler und lokaler Beispiele zeigte er, wie Begehrlichkeit, Kooperation und Authentizität den Unterschied machen. Handel müsse überraschen, inspirieren und sich stetig „wieder ändern“, wie Striebich den französischen Ursprung des Wortes Retail („retailler“ – zuschneiden) deutete.

Im Kern aber – und das zeigte sich immer wieder in den Diskussionen – gehe es nicht nur um Flächen, Konzepte oder Investitionen, sondern um die Menschen, die in unseren Städten leben, einkaufen, essen, trinken und ihre Freizeit verbringen. Hinter der oft abstrakt genutzten „Frequenz“ stehen Individuen mit vielfältigen Bedürfnissen und Erwartungen. Diese Komplexität kann keine Branche allein lösen – sie verlangt das Zusammenspiel von Handel, Immobilienwirtschaft und Kommunen. Nur gemeinsam entstehen Lösungen, die urbanes Leben lebenswert und wirtschaftlich tragfähig machen.

Praxis zeigt Potenzial

Wie das in der Praxis gelingt, demonstrierten mehrere Beispiele aus der Projektentwicklung. Dr. Maximilian Gutsche (Jost Hurler Gruppe) berichtete über die HUMA Shoppingwelt Sankt Augustin: ein Jahr nach der Wiedereröffnung mit 135 Shops, einer Vermietungsquote von über 95 Prozent und stabilen Besucherzahlen zeigt sich – das Konzept wirkt. „Wir wollten kein weiteres Center, sondern ein neues Format schaffen. Die Verbindung aus klassischem Shopping und Outlet funktioniert, weil sie konsequent zu Ende gedacht wurde“, so Gutsche.

Katja Rincker (MEAG) zeigte mit der Transformation des Hamburger Hofs in Hamburg, wie urbane Immobilien auf Zukunft getrimmt werden können. Retail, Büros, medizinische Angebote und Gastronomie bilden künftig ein nutzungsgemischtes Stadtquartier mit hoher Aufenthaltsqualität. „Wir investieren antizyklisch, weil wir überzeugt sind, dass sich urbane Qualität langfristig trägt“, sagte Rincker.

Im Panel „Wo investiert die Zukunft?“, moderiert von Reinhard Winiwarter (Across Magazine), war man sich einig: Kapital folgt Konzepten, denn identitätsstiftende Standorte bilden zugleich zukunftsstarke Investments. „Copy & Paste funktioniert nicht“, so Striebich. Vincent Frommel (Columbia Threadneedle) und Elisabeth Jander (MEAG) betonten, dass nachhaltige Investments dort entstehen, wo Betreiber, Standort und Konzept eine gemeinsame Sprache sprechen.

Transiträume als Handels-Hotspots

Neue Sichtweisen auf Handelsstandorte lieferten auch Marcus Eggers (IPH Gruppe) und Timm Jehne (BBE Handelsberatung) mit ihren Analysen zu Transitlagen. Bahnhöfe und Flughäfen, so Eggers, seien „keine Shoppingcenter mit Gleisanschluss, sondern Spezialassets, die aktives Management und klare Profilierung brauchen“. Anschauliche Praxisbeispiele lieferten Thorsten Kemp (Flughafen Berlin Brandenburg) und Andreas Reichert (Allresto, Flughafen München), die zeigten, wie sich Flughäfen als Handels- und Gastronomie-Hubs von der „Passenger Journey“ bis zur Erlebnisgastronomie neu positionieren.

Am Nachmittag rückten zwei sehr unterschiedliche Zukunftsbilder in den Fokus. Stefan Suchanek zeigte in seinem Vortrag zur Neuroästhetik, wie Raumgestaltung auf Wahrnehmung, Emotion und Kaufverhalten wirkt: „Gute Gestaltung ist kein Zufall, sie ist messbar.“ Atmosphäre, Licht und Materialität, so sein Credo, entscheiden über Verweildauer und Bindung.

Ganz andere Werkzeuge stellte Markus Wotruba (BBE Handelsberatung) gemeinsam mit Moritz Zinn (Octoscreen) vor: Künstliche Intelligenz wird zum Schlüssel der neuen Standortanalyse. Mit dynamischen Datenmodellen lassen sich Passantenströme, Aufenthaltsdauer und Nutzungspotenziale in Echtzeit bewerten – „eine neue Präzision, die Investitionsentscheidungen objektivierbar macht“, sagt Wotruba.

Unter der Überschrift „Fläche neu gedacht“ zeigten schließlich Christian Zimmermann (IPH Gruppe), Felix Petersen und Nikolas Mausolff (Tio Tio Social Sports) sowie Gregor Wöltje (Bricks and Stories), wie sich ungenutzte Flächen, Freizeit und Community-Konzepte zu tragfähigen Modellen verbinden lassen. Zimmermann brachte es auf den Punkt: „Jeder Zentimeter zählt, wenn er richtig genutzt wird.“

Neue Marken und Konzepte drängen auf die Fläche

Der späte Nachmittag gehörte dann den Händlern selbst. Sebastian Beck (Peek & Cloppenburg) sprach über Expansion und Wachstumschancen in schwierigen Märkten, Oliver Baumgärtel (MediaMarktSaturn) über den Kunden als Taktgeber der Immobilienstrategie und Jonas Ivarsson (Lager 157) über den Mut, mit einfachen Konzepten neue Märkte zu erobern. Philip Düwel zeigte mit seinem Gastro-Retail-Ansatz, warum hybride Konzepte gerade bei der Generation Z funktionieren: „Junge Zielgruppen suchen Orte, die mehr sind als Konsum. Sie wollen Teil von etwas sein.“

Zum Abschluss resümierte Joachim Stumpf: „Die Themen, die wir heute diskutiert haben, betreffen längst nicht nur München, sondern den gesamten Markt. Der MHIT 2025 hat gezeigt, dass Zukunft dort entsteht, wo Branchen- und Denksilos fallen. Ab 2026 wollen wir diesen Dialog im Rahmen des Deutschen Handelsimmobilientags auf eine neue Ebene heben – bundesweit, interdisziplinär und mit dem klaren Ziel, Stadt, Raum und Handel gemeinsam weiterzuentwickeln.“

Ab 2026 wird das Format unter dem neuen Namen „Deutscher Handelsimmobilientag“ fortgeführt, mit erweitertem Fokus auf bundesweite Themen und Entwicklungen rund um Stadt, Raum und Handel. Der Deutscher Handelsimmobilientag findet am 27. Oktober 2026 in München statt.

Deutscher Handelsimmobilientag

 

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Ansprechpartner
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Lars Jähnichen

Geschäftsführer
IPH Gruppe
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Joachim Stumpf

Geschäftsführer
IPH Handelsimmobilien GmbH